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| tumblr ab 2011 |
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Die Frage, wie meine seit 1996 annähernd täglich ent-
stehenden Zeichnungen im Internet sichtbar werden
können und welche Sichtbarkeit überhaupt anzustre-
ben ist , begleitet meine künstlerische Praxis von An-
fang an.
Zitat:
Zeichnung ist an und für sich ein obsessives Medium. Wer viel und schnell zeichnet, wem Zeichnung als Handlungsprozess wichtiger ist als das einzelne "Werk", wer Zeichnen als visuelles Denken mit allen Umwegen und Abschweifungen begreift, der mag sich via Internet bei seinem Tun über die Schulter schauen lassen, und wir Betrachter, oder besser gesagt user, können an dem aufregenden Entstehungsprozess künstlerischen Denkens teilnehmen, ohne je eine Ausstellung des Künstlers gesehen oder seinen Katalog durchgeblättert zu haben. Im besten Falle entsteht dabei Lust auf die Begegnung mit dem Original.
Aus: Subsystem der Kunst Zeichnung als Medium
von Michael Glasmeier und Annelie Lütgens. In: Zeichnung vernetzt Drawing links. Katalog zu der gleichnamigen Ausstellung in der Städtischen Galerie Delmenhorst 2004.
Die eigene Website hanneskater.de, seit 2001 online, habe ich dafür gebaut: jede Zeichnung bekommt einen Platz, eine eigene Seite, einen Kontext. Aber die Struktur der Site alles mit Frames, ohne Datenbank, von Hand gebaut macht nicht nur das Einstellen zeitaufwendig, sondern ermöglicht auch keine Kommentierung direkt unter den Zeichnungen. [1]
Tumblr löste das Problem. Ab dem 03.07.2011 gibt es dort mein drawing-log einfach zu befüllen, schnell hochgeladen, übersichtlich archiviert. Was dort entsteht, ist keine Spiegelung der eigenen Website, sondern etwas anderes: eine täglich wachsende öffentliche Aufzeichnung, die ihre eigene Logik entwickelt.
Was tumblr war
Die Plattform hatte eine Eigenschaft, die für meine Haltung wichtig war: die Archivansicht der Zeichnungen. Wer "/archive" an eine tumblr-Adresse anhängte, sah alle Beiträge in einem Raster jeder Eintrag als Thumbnail in seinem skalierten Originalformat. Hochformatige Zeichnungen blieben hochformatig. Das war kein ästhetisches Detail, es war wesentlich für die Nutzung des Archivs.
Hinzu kam die Feedbackstruktur: kein Kommentarfeld, nur Liken und Rebloggen. Das erzeugte eine andere Öffentlichkeit als Facebook oder Instagram stiller, weniger konfrontativ, mit einer Neigung zum Kuratierten. Die Follower-Zahl wuchs ohne aktive Werbung: 30, dann 100, dann tausende, schließlich über 48.000.
Aber die Zahl täuschte. Bei über 48.000 Followern gab es selten mehr als 20 Reaktionen pro Zeichnung. Tumblr war ein stilles Netzwerk und diese Stille war sowohl sein Charme als auch sein Problem.
Was die Arbeit auf tumblr tatsächlich interessant machte, war etwas anderes als Reichweite: das Auftauchen der Zeichnungen in fremden Kontexten. Wer eine Zeichnung rebloggte, stellte sie in seine eigene Bildersammlung neben Filmstills, Musiklinks, Fotografien, Illustrationen. Die Archivansicht eines fremden Blogs zeigte dann: Katers Zeichnung neben einem Radio hörenden Bären mit rotem Hut, einem Foto von Björk von Nobuyoshi Araki, einem Filmstill aus Twin Peaks, dem Cover eines japanischen Jahrbuchs von 1969.
Das war kein Zufall und kein Fehler. Das war das Potenzial der Plattform: eine intuitive Bildersammlung eröffnet eine andere Dimension des Bildumgangs. Es geht bei den Bildern und ihrer Anordnung um das Erscheinen eines nicht Gewussten, das, indem es erscheint, überhaupt erst denkbar wird. Die eigene Zeichnung in einem fremden visuellen Tagebuch das erzeugte Bedeutungen, die im eigenen Kontext nicht entstehen konnten.
Dazu kam: Bilder von Amateuren standen gleichberechtigt neben denen von professionellen Bildproduzenten. Ein Stipendium des Kunstfonds Bonn änderte an der Sichtbarkeit auf tumblr nichts. Das Bild zählte, nicht die Biografie.
Anmerkungen
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Screenshot: eingeloggt bei tumblr, irgendwann 2018
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[1] Alle (selbst gebauten) Drawinglogs von Zeichnerinnen und Zeichnern, auf die ich auf meiner Website unter der Rubrik "Links" verwiesen habe, sind spästens Ende 2010 alle (!) aufgegeben worden.
[zurück]
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