Projekt Nr. 51
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https://drawing-log.tumblr.com
www.instagramm.com/hanneskater_
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Rebloggen mit tumblr – seit 2011
Viele Menschen legen sich in den Räumen in denen sie leben und / oder arbeiten kleine Bildersammlungen an – auf der Kommode in der Diele, am Spiegel, am Schreibtisch, in der Küche. Sie sammeln Postkarten von Freunden, Fotos von Familienmitgliedern, Zeitungsauschntte, Postkarten aus dem Museumsshop, vielleicht Bild von einem Engel oder einem Eichhörnchen. Solche Sammlungen wachsen mit der Zeit, einzelne Motive verschwinden auch wieder, weil das, was sie speichern und woran sie erinnern, nicht mehr (so) wichtig ist.

Solche Sammlungen dienen der Rückversicherung, helfen beim Erinnern, bezeugen Verbundenheit, spenden Trost – manchmal Teile der Sammlung können auch Mahnung oder Zielsetzung sein. Auch in Jugendzimmern fanden sich solche Sammlungen mit Wimpeln, Quatschfotos mit Freunden und Postern...
Neben der Selbstvergewisserung dienen solche Sammlungen auch ein wenig der Selbstbehauptung – richteten sich aber in der Regel nicht an ein Publikum, sondern auch, aber eben nicht in erster Linie, an enge Freunde.

Analoge Bildersammlung von Hannes Kater
Obere Reihe (v.l.n.r.): Sigmar Polke, Familienfoto, Rückschein National, Henri Rousseau
Untere Reihe: Kater, Freiher von Wieser, Diagramm, Schreiben der KSK
Analoge Bildersammlung von Hannes Kater
Obere Reihe (v.l.n.r.): Sigmar Polke, Familienfoto, Rückschein National, Henri Rousseau
Untere Reihe: Kater, Freiher von Wieser, Diagramm, Schreiben der KSK
Analoge Bildersammlung von Hannes Kater Obere Reihe (v.l.n.r.): Sigmar Polke, Familienfoto, Rückschein National, Henri Rousseau Untere Reihe: Kater, Freiher von Wieser, Diagramm, Schreiben der KSK
So sieht diese Bildersammlung digital aus. Durch die automatisch für die Archivansicht vorgenommene Skalierung der Bilder und die Bildschirmdarstellung veränderet sich die Bildwirkung
Analoge Bildersammlung von Hannes Kater Obere Reihe (v.l.n.r.): Sigmar Polke, Familienfoto, Rückschein National, Henri Rousseau Untere Reihe: Kater, Freiher von Wieser, Diagramm, Schreiben der KSK
So kann eine – unspektakuläre – Archivansicht aussehen, in der auch eine meiner Zeichnungen auftaucht.


Bildersammlung ist keine überzeugende Bezeichnung für das Phänomen, aber wie nennt man das? Der Bibliothekar sagt Handapparat – die griffbereite Auswahl, nicht die Bibliothek. Der Ethnologe würde vielleicht Hausaltar sagen – Orientierung, Mahnung, Erinnerung. Der Handwerker kennt den Setzkasten – geordnetes Repertoire, aus dem zusammengesetzt wird. Keiner dieser Begriffe trifft es ganz. Das Phänomen scheint einer präzisen Benennung zu widerstehen – vielleicht weil es zu alltäglich, zu privat, zu flüchtig ist.

Bei Künstlern hat so eine Sammlung eine andere Funktion. Das angepinnte Material an der Wand, das Fundstück auf dem Bord, die Postkarte neben dem Schreibtisch – das ist Arbeitsmaterial. Es ist da, weil es etwas auslöst. Besucher beeindruckt man im Atelier mit den eigenen Arbeiten, nicht mit den Gedächtnisstützen daneben. Édouard Manet hat das 1868 gemalt: sein Porträt von Émile Zola zeigt den Schriftsteller an seinem Schreibtisch – und an der Wand hinter ihm eine kuratierte Sammlung: eine japanische Grafik, ein Foto der Olympia, ein spanischer Stierkampf-Stich. Die Wand als Gedächtnisstütze, als Ideenfeld, als Selbstaussage. Gerhard Richter hatte im Atelier immer wieder ähnliche kleine Sammlungen – nicht nur eigene Arbeiten, eher nicht, sondern Fundstücke, Ausrisse, Bilder von anderen. [1]

Das Smartphone hat dieses Verhalten verändert. Die private Bildersammlung ist nicht mehr sichtbar im Raum – sie ist griffbereit im Gerät, immer dabei, aber unsichtbar für andere. Und sie wird durch Algorithmen mitbestimmt, nicht mehr nur durch eigene Entscheidung. Was früher an der Wand hing und jeden Tag gesehen wurde, scrollt jetzt vorbei.

Dieser Unterschied zwischen Wand und Gerät ist kein technischer, sondern ein grundsätzlicher: nicht Verfügbarkeit, sondern Präsenz. Das Bild an der Wand ist da – ob man hinschaut oder nicht. Es wartet, es taucht im Augenwinkel auf, es überrascht. Das Smartphone-Bild ist abrufbar, aber es existiert erst wenn man es aufruft.

Eine verschickte Postkarte macht das konkret. Sie wird, obschon eine Reproduktion, wieder zu einem Original: sie trägt eigene Spuren und Zusätze – die Handschrift des Absenders, den Poststempel mit Datum und Ort, die Briefmarke, vielleicht einen Fleck vom Transport. Sie hat einen Körper – wirft eine kleine Schattenkante an der Wand, braucht etwas zum Befestigen, hinterlässt Spuren wenn man es ablöst. Ein ausgeschnittenes Zeitungsfoto gilbt, wird spröde, zeigt wo es gefaltet war. Das alles ist keine Schwäche – das ist Zeit, die sichtbar wird. [2]

Tumblr hat in dieser Entwicklung etwas Besonderes getan: die private Bildersammlung in eine öffentliche überführt – und für kurze Zeit war Öffentlichkeit und Sichtbarkeit dasselbe. Keine Jury, kein Kurator, kein Budget. Die Wandzeitung, das schwarze Brett, die Straße – all das war immer öffentlich, aber nicht unbedingt sichtbar. Tumblr war beides gleichzeitig, ohne Gatekeeper, ohne Zugangsbeschränkung, ohne dass Geld die Reichweite bestimmte.

Das hat sich verändert. Tumblr bietet seit Jahren an, Beiträge gegen Bezahlung zu pushen. Instagram hat dasselbe Prinzip weiter durchgezogen. Am Ende läuft es auf dasselbe hinaus wie überall: Aufmerksamkeit ist eine Ware. Wer zahlt, wird gesehen. Wer optimiert, auch. Der Rest scrollt vorbei. Dass man auch heute noch ohne Budget und ohne PR plötzlich sichtbar werden kann – viral, zufällig, unerwartet – ist Ausnahme geblieben, kein strukturelles Merkmal.
Und: Tumblr hat keine Kommentarfunktion. Feedback gibt es nur als Liken oder Rebloggen – das Wiederveröffentlichen eines Beitrags auf dem eigenen Blog. Wer eine Zeichnung rebloggt, stellt sie in seine eigene Bildersammlung: neben was auch immer ihn sonst interessiert.

Das war das Schönste und Überraschendste an der Arbeit auf tumblr – nicht die Follower-Zahl, nicht die Reichweite, sondern genau das: das Auftauchen der Zeichnungen in fremden Zusammenhängen, in denen sie nicht geplant waren und nicht hätten geplant werden können. Ein User rebloggt eine Zeichnung – und plötzlich hängt sie neben einem Radio hörenden Bären mit rotem Hut, einem Foto von Björk von Nobuyoshi Araki, einem Filmstill aus Twin Peaks, dem Cover eines japanischen Jahrbuchs von 1969, einem Link zum Berliner Song So bist Du von der Band Mutter – mit 0 notes. Darunter die Gründungsmitglieder der Young Lords Party aus NYC.

Kein Museum, keine Galerie, keine kuratierte Ausstellung hätte diesen Kontext erzeugen können. Und kein anderer Kontext hätte die Zeichnung so unvorbereitet getroffen.

Auffallend war: viele die rebloggt haben, waren sehr jung. Manchmal keine 18. Oft mit einem sehr eigenen, spezifischen Blick – und irgendwo in der Provinz der USA, in Kleinstädten ohne reale Ansprechpartner für das, was sie interessierte. Die Option war klar: wenn ich kann, gehe ich weg. In eine größere Stadt. Am besten gleich nach New York. Bis dahin: tumblr.

Solche Sammlungen konnten existentiell sein. Eine Zeichnung darin zu finden kann manchmal mehr Gewicht haben, als ein Verkauf in einer Galerie. Der Kunde in der Galerie wählt mit einem bereits geformten Geschmack. Der 16-Jährige in Ohio wählt mit dem, was sich bei ihm gerade ausformt.

Die Publikation
Tageszeichnungen reblogged [Link, Abb. rechts] dokumentiert Ansichten von zwanzig solcher Reblogg-Archive, in denen jeweils auch Zeichnungen von mir in die visuellen Tagebüchern von Menschen, die selbst keine Künstler sind, die nicht Kunstgeschichte studiert haben, integriert wurden: sie sammeln einfach was sie interessiert, kuratieren sich ihr visuelles Archiv..

Während die bewusste illustrative Veranschaulichung von etwas notwendig eine bereits bestehende Vorstellung von Welt voraussetzt, eröffnet eine intuitive Bildersammlung eine andere Dimension des Bildumgangs: es geht bei den Bildern und ihrer Anordnung auch um das Auf- bzw. Erscheinen eines nicht Gewussten, das, indem es erscheint, überhaupt erst denkbar wird.

Bilder von Amateuren stehen hier gleichberechtigt neben denen von professionellen Bildproduzenten. Kunstmarkterfolg half bei der jungen Tumblr-Community wenig, Berühmtheit – als Schauspieler*in oder Modell schon mehr... Das Bild, die Bildwirkung, zählte, nicht die Anerkennung im Kunstbetrieb.


Titelseite: Tageszeichnungen – reblogged. Hannes Kater, PDF Publikation 2018
Tageszeichnungen_reblogged
Ergänungsband zu: Hannes Kater – Tageszeichnungen
Version 1.46 (März 2018)
52 Seiten, 28 x 21 cm, farbig, 26, bzw. 487 Abbildungen.

Frage: Wieso freust Du Dich eigentlich, wenn Deine Zeichnungen reblogged werden?
Kater: Wenn andere meine Zeichnungen gebrauchen – brauchen im Sinne von benötigen und im Sinne von nutzen – um sie also als Bausteine für ihre visuellen Repräsentanzen zu benutzen... um sich selbst zu finden und zu definieren, freut mich das wirklich.
   Gut, Jugendliche und junge Erwachsene sind nicht unbedingt meine Kernzielgruppe – und Kunst wendete und wendet sich in der Regel immer nur an ein Fachpublikum – aber da verändert sich gerade was… was noch deutlicher wird, wenn man statt Kunst den Begriff Bildkultur, auch im Sinne von Bildumgang, benutzt.
Als PDF: 18 MB
Anmerkungen

[1]
Gerhard Richters Atlas – seit 1962 gewachsen, über 800 Tafeln mit mehr als 8.000 Einzelmotiven, inzwischen als eigenständiges Kunstwerk im Lenbachhaus München dauerhaft ausgestellt – ist etwas anderes: das große, archivarische, öffentliche Projekt. Die kleine Sammlung neben dem Schreibtisch ist das andere.
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[2]

Benjamins Begriff der Aura – "einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag" – beschreibt eine Qualität die durch technische Reproduktion schwindet: der Druck, die Fotografie, die Kopie verlieren die Einmaligkeit des Originals. Aber das gilt nicht absolut. Eine gedruckte Postkarte die frankiert, abgestempelt, beschrieben, transportiert und an eine Wand geheftet wurde, hat durch Benutzung wieder Einmaligkeit gewonnen – sie ist dieses Exemplar, mit dieser Geschichte. Benjamins Aura kehrt durch den Gebrauch zurück, nicht durch Kunstgeschichte.

Das japanische Konzept des Wabi-Sabi denkt das weiter: Patina und Gebrauchsspuren sind kein Wertverlust, sondern Bedeutungsgewinn. Das Objekt wird zum Protokoll seiner eigenen Geschichte. Barthes hat in La Chambre Claire (1980) das Punctum beschrieben – den Punkt im Foto der einen unkontrolliert trifft. Das Punctum braucht Begegnung, Begegnung braucht Präsenz: das Foto muss da sein, nicht abrufbar. Bachelard beschreibt in La Poétique de l'Espace (1957) wie Objekte im Raum eine Topografie des Gedächtnisses erzeugen – man erinnert sich weil man vorbeigeht, nicht weil man sich erinnern will.
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